Entdeckungsreisen im Osten Deutschlands

Schlagwort: Ostalgie

DDR-Shopping – Die real existierende (N)Ostalgie

Alex, der Held aus dem Film ‚Good Bye Lenin‘ hätte auch Jahrzehnte nach der Auflösung der DDR keine Probleme an Ost-Produkte heranzukommen – oft sogar in authentischer Aufmachung. Als die…

Alex, der Held aus dem Film ‚Good Bye Lenin‘ hätte auch Jahrzehnte nach der Auflösung der DDR keine Probleme an Ost-Produkte heranzukommen – oft sogar in authentischer Aufmachung.

Als die Ostalgie-Welle Anfang des neuen Jahrtausends ausbrach, wurde ihr ein schnelles Ende vorausgesagt.

Noch heute aber leben sie, die Ost-Produkte – auf Websites, in den ostdeutschen Konsum-Märkten und in kleinen Spezialläden, manche als Nischenprodukte, manche als nationale und sogar als internationale Marken:

Rotkäppchen-Sekt, Spreegurken, Nudossi Nuß Nougat, Meissner Honig, Bautzner Senf, Komet Speiseeis, Tempo Bohnen, die Pittiplatsch Plüschfigur, Florena Cremes, Putzi-Zahncreme, F6-Zigaretten und viele andere Ost-Produkte gehören heute wieder zum Alltag.

Die Ostalgie-Industrie hat sich fest etabliert, die DDR lebt in surrealer Weise in ihren Produkten fort.

In dem Webshop Ossiladen können Ostalgiker die ganze noch heute verfügbare Bandbreite der Ost-Lebensmittel bestellen. Eine Zeitreise in die DDR im Jahr 1978 wird möglich in dem Berliner Hotel ‚ostel‘ und in den Trabis des Unternehmens Trabi-Safari kann der Gast eine geführte Stadtrundfahrt durch Dresden oder Berlin unternehmen. FORMost aus Schwerin bietet hochwertiges Design wie das legendäre Mitropa-Geschirr RATIONELL an.

Viele Ostdeutschen erinnern sich gerne an die schönen privaten Erlebnisse und Erfahrungen der DDR-Zeit, vor allem das damalige Empfinden einer privat abgesicherten Existenz und sozialer Geborgenheit erfüllt viele heute mit Wehmut.

Doch der tatsächliche Alltag in der DDR war aufgrund der staatlichen Mangelwirtschaft geprägt von ständigen Frustrationen und Enttäuschungen.

Die Prager Straße mit den knapp über 10.000 Quadratmetern Verkaufsfläche des Centrum Warenhauses und die Hauptstraße als Pendant in der Inneren Neustadt waren die Aushängeschilder der Dresdner Shopping-Welt. In der Hauptstraße gab es etwa 6.000 Quadratmeter Verkaufsfläche in kleineren Läden wie dem Optik-Laden von Carl-Zeiss, zwei Modegeschäften, einem Elektronikladen, einem Schallplattengeschäft und der Konsum-Kaufhalle. Das Konsumangebot war in der Altstadt und der Neustadt natürlich viel zu gering für eine Stadt mit etwa 520.000 Einwohnern.

Alleine die Altmarktgalerie und die Centrumsgalerie in der Altstadt umfassten 25 Jahre später bei etwa gleicher Bevölkerung das sechsfache an Ladenfläche. Dazu kommen noch die vielen weiteren Shoppingcenter und Ladengeschäfte der Altstadt und der Neustadt.

Ladengestaltung, Inszenierung und das passende Angebot machen Shopping heute für viele Kunden zu einem Moment des Genusses. Einkaufen war auch zur DDR-Zeit ein Erlebnis, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Menschenschlangen vor den Bäckern, Modegeschäften, Schallplattenläden, der Fleischerei, dann das immer gleiche Warenangebot in farblosen Verkaufsflächen, die knappe unfreundliche Auskunft des Verkaufspersonals, das gehörte zum Einkaufsalltag eines DDR-Bürgers. Wenn Apfelsinen oder Bananen – etwa zur Weihnachtszeit – verkauft wurden, gingen die Schlangen bis auf die Straßen vor den Verkaufsstellen.

Grundnahrungsmittel wie Brot, Milch, Kartoffeln, Obst und Gemüse waren zu geringen Preisen zu haben und auch ohne Probleme erhältlich in den Kaufhallen. Wollte man Butter oder Fleisch, musste man tiefer in die Tasche greifen.

Westimporte wie Schokolade, Ananasscheiben, Bohnenkaffee und hochwertige Mode aus DDR Fertigung wurden in sogenannten Exquisit- und Delikatläden zu horrenden Preisen angeboten. Aber auch Produkte aus anderen Ostblockstaaten waren teils extrem teuer. So kostete in den achtziger Jahren ein Farbfernseher aus sowjetischer Produktion mindestens 3 Monatsgehälter.

Die Verpackung der Produkte in den Kaufhallen bestand aus Papier, Glas und Pappe. Dieser Dreiklang bestimmte das haptische und visuelle Erlebnis beim Einkaufen. Eine aufwendige Verpackung aus buntem Glanzpapier oder farbigem Kunststoff gab es nicht. So wirkte alles trist und monoton, der Verzicht auf eine auwendige Verpackung hatte allerdings nebenbei einen ressourceschonenden Umwelteffekt.

Der DDR-Bekleidungsindustrie war es aufgrund des Mangels an modischen Stoffen lange Zeit verboten, Alltagskleidung im saisonalen Wechsel neu aufzulegen. Männer und Frauen der unteren Einkommensgruppen trugen die immer gleiche monotone braun-beige Privatkleidung in den 60ern im Schnitt über 10 Jahre lang. Möglichkeiten zur Individualisierung durch Kleidung blieben so begrenzt, aber auch die Gründe zum Neid auf den anderen.

1974 wurde ein neues Devisengesetz eingeführt, das den DDR-Bürgern erlaubte DM oder Dollar zu besitzen. Künstler, die Tourneen im Westen machten, erhielten einen Teil ihrer Gage in Westwährung ausgezahlt und so konnten sie in den exklusiv für Westimporte eingerichteten Intershops Videorecorder oder Kühltruhen kaufen. Westverwandte von DDR-Bürgern konnten über den Genex-Geschenkdienst Westprodukte an ihre ostdeutschen Verwandten schicken lassen.

So sah also die real existierende Welt des Shopping in der DDR aus.

Filme wie ‚Good Bye Lenin‘ und ‚Sonnenallee‘ vergegenwärtigen die DDR als eine fasst schon ‚exotische‘ Welt voller uns heute fremder Produkte und zugleich als eine Welt von idealistischen, meist jungen Akteuren, die improvisieren und einander helfen. Willkommen in der Ostalgie-Utopie – das Arbeiter- und Bauernparadies trifft Disneyworld!

Das Meistern des schwierigen Lebensalltags unter der überall spürbaren Mangelsituation wird zur Situationskomödie umkomponiert. Im Film ist dies legitim, die historischen Vorgänge lassen sich aber nicht zur SitCom reduzieren.

Wie jede Nostalgie-Bewegung verkürzt auch die Ostalgie den Doppelcharakter des menschlichen Daseins. Das allgemeine Grundgefühl von Absicherung, menschlicher Geborgenheit und Solidarität wird zu einer Metapher für die DDR, die Abwesenheit dieser Empfindungen in der Nachwendezeit zu einem Kürzel für die Bundesrepublik.

Die reale Mangelwirtschaft des sozialistischen Staates vor 25 Jahren wird ironischerweise zu einem Argument für seine Teilrehabilitierung, die heute von einem Teil der Gesellschaft empfundene soziale Mangelwirtschaft zum Grund ihrer Ablehnung der Gegenwart.

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