Entdeckungsreisen im Osten Deutschlands

Schlagwort: Blühende Landschaften

Erich Honnecker – Und die Macht des Kleinen Mannes

Dem legendären indischen Seiltrick, bei dem sich ein Seil gegen den Himmel streckt, glich 1971 Honneckers Ankündigung der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“. Würdig eines Alchemisten, der Blei in Gold…

Dem legendären indischen Seiltrick, bei dem sich ein Seil gegen den Himmel streckt, glich 1971 Honneckers Ankündigung der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“. Würdig eines Alchemisten, der Blei in Gold verwandeln kann, verkündete Honnecker in diesem Jahr, dass mit seinem Machtantritt und der politischen Kehrtwende dieses Jahres gleichzeitig die Produktivität und der Lebensstandard steigen würden würden.

Hatte sein Vorgänger Ulbricht die Menschen noch auf die Zukunft vertröstet mit dem politischen Slogan „Wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben“, so sprach Honnecker vom real existierenden Sozialismus. Gemeint war ein Sozialismus, der sich auf die Bedürfnisse der Menschen im Hier und Jetzt konzentriert.

Das Hauptproblem war die schlechte Versorgung mit Wohnungen. Der Bestand war überaltert und in einem schlechten Zustand, es gab viel zu wenige Wohnungen.

So entstanden bis 1989 1,8 Millionen Plattenbauwohnungen, oder ‚Arbeiterschließfächer‘, wie sie der Volksmund auch nannte. Sie hatten Fernheizung, Warmwasser, ein eigenes Bad und WC.

Die Miete war erschwinglich. Während Mitte der 70er Jahre eine westdeutsche Familie knapp über 20 % des verfügbaren Einkommens für die Wohnung ausgab, musste eine ostdeutsche Familie lediglich 4,4 % dafür aufwenden.

Auch die Versorgung mit hochwertigen Elektro- und Haushaltsprodukten verbesserte sich erheblich. Bereits 1980 hatte jeder Haushalt einen Fernsehapparat, eine Waschmaschine und einen Kühlschrank.

Während 1970 erst 15 % der Haushalte über einen PKW verfügten, konnten 1980 bereits 38 % der Haushalte einen Trabi oder einen Wartburg ihr Eigen nennen.

Die Grundversorgung der Bevölkerung war ebenfalls abgesichert.

Eine Plattenbauwohnung galt als das Non-Plus Ultra an Wohnqualität, ein Trabi war das Symbol für individuelle Freiheit.

Die ‚Blühenden Landschaften‘, um den Satz eines anderen politischen Zauberkünstlers aufzugreifen, schienen in der DDR Realität geworden zu sein.

Den Alltag erlebten die DDR Bürger allerdings anders.

Täglich wurden die Menschen mit der Verwaltung des Mangels konfrontiert – auf der Arbeit, beim Einkauf, in der Post, beim vergeblichen Warten auf das Taxi, beim verzweifelten Versuch ein Hotelzimmer zu buchen. Stefan Wolle spricht in seinem Buch ‚Die heile Welt der Diktatur‘ sogar von der ‚Heimlichen Herrschaft der Verwalter des Mangels‘.

Beim Betreten eines Gasthauses etwa konnte der Gast nicht zum Tisch seiner Wahl gehen. Im Eingangsbereich machte das Schild ’Sie werden platziert’ deutlich, dass Warten auf den Kellner angesagt war, der in der Regel auch in einem völlig leeren Gasthaus die Plätze zuwies.

Einen freien Wohnungsmarkt gab es in der DDR nicht. Wer eine Wohnung wollte, musste deshalb bei der KWV, der kommunalen Wohnungsverwaltung, einen Antrag stellen und bekam nach der Überwindung vieler bürokratischer Hürden und oft erst Jahre nach der ersten Antragstellung, Bescheid, welche Wohnung ihm zugewiesen wurde. Junge Ehepaare wurden übrigens bei der Vergabe bevorzugt, weshalb viele Menschen früh heirateten.

Verwaltungsangstellte, Handwerker, Kellner und Verkäufer waren Wächter über den Zugang zu Waren und Dienstleistungen. Einen privilegierten Zugang zu den Errungenschaften des real existierenden Sozialismus bekam, wer einen guten Draht zu ihnen unterhielt.

Bei all der Macht von Partei und Staatssicherheit, die DDR war eben auch die ungewollte Diktatur des Kleinen Mannes.

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