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Kategorie: Städtebau

Die Innere Neustadt – Augusts Neue Königstadt

Die Welt war für den barocken Herrscher ‚un theatre de la gloire‘, eine Art Bühne des Ruhmes. Herrscher wie August der Starke waren die Hauptdarsteller auf Festen anlässlich gewonnener Schlachten,…

Die Welt war für den barocken Herrscher ‚un theatre de la gloire‘, eine Art Bühne des Ruhmes. Herrscher wie August der Starke waren die Hauptdarsteller auf Festen anlässlich gewonnener Schlachten, auf höfischen Events, in den großartigen Porträts ihrer Hofmaler, in Flugschriften und auf Münzen, im Theater und der Oper.

Das späte 17. und frühe 18. Jahrhundert war auch die Zeit der großartigen, auf Initiative der Herrscherhäuser geplanten Stadtanlagen in Versailles und St. Petersburg.

Hier erreichte die Imagepolitik eines Ludwig XIV. und Peter I. das größtmögliche zeitgenössische Zielpublikum. Natürlich bedienen diese Architekturinszenierungen in der damaligen Gesellschaft vorhandene Wunsch- und Idealvorstellungen. Zugleich aber stellen sie eine radikale Abkehr dar von einer auf den Säulen des Adels, der Kirche und des dritten Standes ruhenden gesellschaftlichen Ordnung. Der Herrscher des Barock soll keine Kontrollinstanz über sich haben. Seine Alleinherrschaft habe er von Gott verliehen bekommen. In diesem Sinn ist der Ludwig XIV. in den Mund gelegte Ausspruch zu verstehen: ‚L’etat ce moi‘. Der Staat bin ich.

Der Herrschaft des Absolutismus wird häufig auch als ‚Ancien Regime‘ bezeichnet, also als ‚Altes oder Alterwürdiges Regime‘. Der Begriff beinhaltet Assoziationen mit Antike, langer Dauer und einer konservativen Haltung der Herrscher.

Tatsächlich revolutionierten Monarchen wie Ludwig XIV. und Peter der Große ihre jeweilige Gesellschaft von oben.

Aus dieser Perspektive zeigt sich auch die Herrschaft Augusts des Starken von ihrer – um ein Modewort unserer Zeit zu verwenden – disruptiven Seite.

Bester Ausdruck des ’Neuen Regimes’ im Sachsen der Zeit ist die Neue Königstadt. Sie stellt einen scharfen Einschnitt im Gefüge der jahrhundertelang gewachsenen Stadt Dresden dar. Nicht mehr die Dreikönigskirche oder das Rathaus sollen die Neustadt dominieren, sondern das Japanische Palais und das Blockhaus, an Stelle von verschlungenen Straßen sollten langgezogene, gerade verlaufende Alleen gebaut werden, die kleinteiligen Häuser sollen durch größere mit einheitlichen Fassaden ersetzt werden. Und der König sollte im Zentrum dieser gigantischen Huldigungsmaßnahme stehen. Das alles war möglich geworden nach dem Stadtbrand von 1685 und dem sich schleppenden Wiederaufbau von Altendresden.

Bereits der Altstadt hatte der sächsische Herrscher versucht seinen Stempel aufzudrücken. Beispielsweise lies er das Rathaus am Altmarkt abreißen, um den Platz für höfische Spektakel und seine Imagepolitik verwenden zu können. Zahlreiche Palais von Mitgliedern des Hofes beginnen zunehmend das Stadtbild zu prägen. Eine vergleichsweise preiswerte, aber nichtsdestoweniger publikumswirksame Maßnahme war die Umbenennung der 7 Bastionen der Stadtmauer mit den Namen der 7 Planeten. Damit lag die von August dem Starken beherrschte Residenz des Kurfürstentums Sachsens plötzlich im Zentrum des Universums. Die einschneidendsten Baumaßnahmen erfolgten allerdings abseits der Bürgerstadt im Umfeld des Schlosses: für die Maitresse en titre wurde das Palais am Taschenberg gebaut und etwas später entstand die Orangerie am Zwinger.

Was August dem Starken nur bruchstückhaft in der Altstadt gelungen ist, versucht er in seinem letzten Lebensjahrzehnt in der Inneren Neustadt zu vollenden. Er orientiert die Stadt Dresden völlig neu, nach seinem Plan sollte die Neustadt das neue Zentrum Dresdens werden.

Bis in die 1720er Jahre lag das Residenzschloss – bedingt durch seine Entstehung im Mittelalter – etwas abgeschieden am Rand der Dresdner Stadtmauer. Durch die groß angelegte Erneuerung der Elbbrücke, deren Umbenennung in Augustusbrücke und die beiden geplanten Wachhäuser am Neustädter Elbufer wird die Ausrichtung des Residenzschlosses neu justiert und auf die Neue Königstadt bezogen. Mit dem geplanten Reiterstandbild und dem Obelisken auf den Dachterrassen der beiden Monumentalbauten an der Brücke hätte sich ein triumphaler auf den Herrscher bezogener Königsweg ergeben.

Regelrecht verstörend muss der Abriss der Dreikönigskirche und des Neustädter Rathauses auf die Bürger der Stadt gewirkt haben. Die Erklärung des Abrisses lässt jedoch nicht lange auf sich warten. Im Jahr des Abrisses der Kirche erfolgt per Dekret die Benennung in ‚Neue Königstadt‘.

Die Bürger hatten jedoch ebenso mit schwerer Artillerie auf den Herrscher gezielt. Während der Hauptplatz der Neuen Königsstadt bereinigt wird von der die Panegyrik des Herrschers störenden Kirche, ist der Bau der Frauenkirche auf der anderen Elbseite in vollem Gange. Die fertig gestellte Frauenkirche sollte das deutliche Signal einer starken Bürgerschaft und Kirche an den König werden, die althergebrachte Ordnung nicht anzufechten. Die schwierige Finanzierung der Frauenkirche sowie die Auseinandersetzungen des Architekten George Bähr mit den Hofbauämtern zeigen allerdings, dass die Lage der lutherischen Kirche in Dresden nicht ganz einfach war. Zudem musste sich die lutherische Landeskirche auseinandersetzen mit dem vom König geförderten massiven Zuzug von Andersgläubigen, allen voran Katholiken. Am Hof lebten sogar Jesuitenpatres. Es kamen aber auch Reformierte und Juden nach Dresden, um ihre Fähigkeiten in den Dienst des Hofes zu stellen.

In Folge dieses Zuzugs von Andersgläubigen war es zu schweren Auseinandersetzungen gegen Reformierte gekommen. Manch ein Lutheraner wird den König als Totengräber seines Glaubens empfunden haben und den Abriss der Kirche am Neustädter Markt als Akt des Antichrist.

Diese religiösen und gesellschaftlichen Spannungen untergruben jedoch nicht den Grundkonsens der damaligen Gesellschaft, die erst Mitte des vorausgegangenen Jahrhunderts den katastrophalsten Glaubenskrieg der europäischen Geschichte erlebt hatte. Auch wenn der Herrscher in der Neuen Königstadt zentral inszeniert wird, so widersprach dieser Personenkult doch letztlich der Realität der Politik Augusts des Starken, die auf einen Ausgleich mit den Ständen und der Kirche bedacht war.

Augusts Imagekampagne in der Neuen Königstadt machen deutlich wie gut August der Starke seine Rolle als sächsischer Sonnenkönig zu spielen verstand und wie disruptiv und irritierend dieses neue Selbstverständnis des Herrscher auf die damalige – im Gegensatz zu der heutigen – Volkseele gewirkt haben muss.

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